|
|
Denglisch
Des
Idioten Fremdwortsprache
Wer mich kennt, der
weiß, dass ich es ums Verrecken nicht leiden kann: Denglisch, den
sprachlichen Atommüll, der entsteht, wenn man neureiche Jungunternehmer,
dynamische Vermarktungsstrategen und großmäulige Werbefachleute in
ihren verbalen Ergüssen gewähren lässt, anstatt ihnen hin und wieder
mit einem Zehner-Kantholz die Zähne aus der Fresse zu schlagen. Da
werden Meetings gecancelt, Clubbing-Tours veranstaltet, es
wird Hardware downgesized und der Spitzen-View aus dem
Chefbürofenster genossen. Wie soll einem bei solch einem Geschwätz
nicht dermaßen der Hut hochgehen, dass er in atemberaubendem Tempo
sämtliche Pioneer- und Voyager-Raumsonden überholt und in der
nächsten Sirius-Protuberanz verbrutzelt?
Es
gab mal eine Zeit, da war das nicht so. Da war man nicht cool, sondern
lässig. Man hatte auch keinen Fun, sondern Fez oder einfach nur
Spaß,
und moderne Sachen waren nicht in, sondern angesagt. Anscheinend hatte
man einst keine Probleme damit, Deutsch zu sprechen. Ein unbewusster
Nebeneffekt war, dass man in- und ausländischen Germanisten keinen
Anlass gab, kreisrunde Stücke aus ihren Schreibtischen heraus zu
beißen.
Jedoch, schon da gab es mehrere Keimzellen, die vielleicht mit der
Ausbreitung der
Seuche Denglisch in Zusammenhang stehen:
Im
Luftverkehr wurde aus Gründen der internationalen Verständigung auf
Englisch kommuniziert, was dazu führte, dass die Piloten irgendwann
aufhörten, die deutschen Fliegereibegriffe zu verwenden. Der
Kontrollturm wurde zum Tower, der Strömungsabriss zum Stall,
die Motorhaube zur Cowling, und so weiter. Dieser Effekt ist so
extrem geworden, dass man heute, wenn man sich mit einem Sportflieger
unterhält, eigentlich nur noch weglaufen möchte. Dies tat übrigens
unlängst ein Kumpel von mir, der eine Zeit lang mit einem Mädchen
zusammen war, das beim Bodenpersonal eines Flughafens arbeitete. Er war
es einfach Leid ihr zuzuhören. Trotzdem: Die Fliegerei ist im Grunde
ein in sich abgeschlossener Bereich, aus dem nur wenige Anglizismen auf
die allgemeine Sprache übergreifen. Vielmehr entwickelt sich hier in
der Tat eine Art Fachsprache, die in ihrem Wesen der Jägersprache recht
ähnlich ist, wenngleich letztere beim Deutschen bleibt.
Der
Bereich der Informatik strotzt nur so von Anglizismen. Palmtop, Handheld,
Upgrade und Scrollen sind nur wenige Beispiele dafür. Waren
und sind die Jungs aus der IT-Branche zu faul,
die ganzen Fachausdrücke aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen?
Sind sie womöglich Fachidioten, die nicht kreativ genug sind um sich neue prägnante Begriffe auf Deutsch
auszudenken? Der Verdacht liegt nahe. Beim genaueren Hinsehen stellt man
jedoch fest, dass zu Beginn, als die Branche noch jung war, die
Informatiker durchaus den Versuch unternahmen, deutsche Fachbegriffe
einzuführen. So sagten Profis in der Tat Rechner statt Computer.
Wer war es aber, der den Rechner zum Computer machte, den
Speicher zum Memory und die Bildlaufleiste zur Scrollbar?
Die
Antwort: Diejenigen, die das Zeug vermarkten müssen!
Vermarktungsstrategen, Werbetexter und Journalisten erscheinen mir als
die Keimzellen des Denglisch, womöglich insbesondere dann, wenn sie
monatelange Praktika in den USA absolvierten und hinterher den deutschen
Kollegen erklärten, „wie man es richtig macht“. Es ist schließlich
bekannt, dass die Verfahrenstechniken moderner Vermarktung und Werbung
US-amerikanischem Vorbild folgen. Und so begannen jene Yuppies
nicht nur ihre Berufs-, sondern auch ihre private Sprache prahlerisch
mit englischen Ausdrücken zu garnieren, um in ihrer Freizeit bei ihren
noch nicht so fortgeschrittenen Yuppie-Freunden Eindruck zu
schinden. Irgendwann war es dann soweit, dass Hinz und Kunz glaubte, man müsse in allen Bereichen des täglichen Lebens hie und da einen englischen Brocken einwerfen, um sich hervorzutun. Mittlerweile könnten diese Anglizismen ganze Wörterbücher füllen.
Manch
ein Denglisch-Plapperer hält sich an der These fest, dass die
englischen Ausdrücke kürzer und prägnanter seien als die deutschen
Entsprechungen. Doch erstens ist das einfach falsch, denn Additive ist eben nicht kürzer als
Zusatz, Boyfriend nicht kürzer als Freund und Motherboard nicht prägnanter als
Hauptplatine,
und zweitens, wer bitteschön soll uns denn daran hindern uns neue
Wörter auszudenken, falls es mal keine griffige deutsche Entsprechung
gibt? Im Laufe der
Geschichte wurden Tausende neuer Wörter erfunden, und die Franzosen tun
es heute noch bei jedem Begriff, der aus anderen Sprachen als dem
Französischen kommt. Die Franzosen sind eben kreativ und selbstbewusst
genug, ihre Sprache konsequent zu pflegen und zu erhalten. Warum wollen
die Deutschen das nicht auch tun?
Wer
jetzt glaubt, das Problem dabei liege in der deutschen Sprache selbst,
weil sie angeblich zu steif und umständlich ist, der irrt sich
gewaltig. Deutsch war Jahrhunderte lang das Ausdrucksmittel vieler
berühmter Dichter und Autoren, und sogar heute noch entscheiden sich manche ausländische Dichter
und Musiker deshalb für Deutsch, weil sie sich
auf diese Weise viel mannigfaltiger und facettenreicher ausdrücken
können. Insbesondere die überraschende Wendung bei der Ausarbeitung
von witzigen Einfällen gelinge ihnen mit der Deutschen Sprache besser,
sagen sie. Wer behauptet, die
übermäßige Verwendung von Anglizismen sei durch
Phrasen wie „grenzübergreifendes Verständnis im Rahmen der
Globalisierung“ zu rechtfertigen, der sucht ebenfalls nur nach
Ausreden für sein Geblubber. Wenn diese Logik stimmen würde, dann
müsste man doch vollständig Englisch sprechen, anstatt die eigene Sprache derart zu verhunzen und zu vermanschen, dass sie
weder von den Deutschen selbst noch von Deutsch sprechenden Ausländern
verstanden wird. Im Übrigen stellt sich dann auch die Frage, warum die Deutschen die
einzigen sind, die ihre
eigene Sprache so bereitwillig zur Schlachtbank führen.
Nein,
nein. Der Grund für die Benutzung dieser unzähligen Anglizismen liegt ganz
woanders: Denglisch ist nichts weiter als die Sprache der großspurigen
Maulhelden und derer, die sich davon beeindrucken lassen. Wer viele
Anglizismen verwendet, will a) sein gehaltloses Geschwätz wichtig
erscheinen lassen, b) Dinge und Sachverhalte besser aussehen lassen als
sie sind und c) ganz eindeutig eine Fachsprache vortäuschen. Letzteres
gilt ganz besonders für die Bereiche Mode, Sport, Werbung, Wirtschaft
und Journalismus. Unter einem Punkt d) kann
man diejenigen einordnen, die vorbehaltlos auf Denglisch und deren
Anwender abfahren, weil sie glauben, damit einem vermeintlich
nacheifernswerten Zeitgeist zu folgen, und schließlich als Punkt e)
kommen noch all die, die sowieso nie ihren eigenen Hirnskasten benutzen
und einfach alles nachplappern was andere ihnen vorkauen. Ich fragte
einmal einen meiner Bekannten, warum er zum Beispiel „canceln“
statt „absagen“ sagt. Er gab mir zur Antwort: „Ich find
's eben cool so zu reden“ und unterstrich damit sehr schön das in
diesem Absatz Gesagte.
Dass
es ausgerechnet Englisch ist, mit dem man die Deutsche Sprache
durchflicht, liegt an der Auffassung, dass angeblich alles, was aus Amerika kommt,
supertoll und nacheifernswert ist. Deshalb werden die Anglizismen auch
Amerikanismen genannt, denn im Grunde geht kein einziger Anglizismus
eindeutig auf Britisches Englisch zurück. Mit der Verwendung von
Denglisch möchte der Deutsche also seine Bewunderung und seine
Verbundenheit zur Amerikanischen Lebensweise und den USA* schlechthin
bekunden. Genau diese Absicht geht aber nach hinten los, denn sowohl
Briten als auch Amerikaner empfinden dies als anbiedernd und einschleimend
und sind dadurch eher peinlich berührt als geschmeichelt. Man kann also
sagen: Der Deutsche steckt dem Amerikaner mit dem Kopf so tief im Arsch,
dass er ihm oben schon wieder zum Hals raushängt. Dass der Deutsche
dies aber nicht begreift, zeigt, wie wenig weltoffen er in Wirklichkeit
ist. Vielleicht
sollte man sich einfach mal vergegenwärtigen, wie lächerlich Denglisch
klingt. Ein gutes Beispiel ist hier ein weiterer Bekannter von mir, der
von einem Urlaub in Kalifornien zurückkehrte und sich ausnehmend
darüber lustig machte, dass er dort ein Auto sah, auf dessen
Heckscheibe in großen Buchstaben das Wort „Fahrvergnügen“
aufgeklebt war. Im selben Satz erzählte er aber begeistert, wie viel Power
die Kiste hatte und wie cool der Sound des Motors war.
Nun, treiben wir den Vergleich doch mal auf die Spitze und stellen uns
vor, wir hörten einen Amerikaner so etwas sagen wie: „We have a
Besprechung now, but afterwards we can do Nordisch Gehen, and later on
we can meet for Bergabradeling. And tonight I'm gonna meet my Freundin
and take her to a wonderful Abendessen bei Kerzenschein.“ **
Wie
bitte? Dieser fiktive Satz des Amerikaners klingt dämlich? Deutsche
Wörter im Englischen Kontext klingen belustigend und blöde? Halloho!
Das Tor schwingt in beide Richtungen! Wie belustigend und blöde muss
sich also der Deutsche anhören, der von Meeting, Nordic
Walking, Downhillen, Girlfriend und Candlelight-Dinner
schwätzt? Finden
Sie es für sich selbst heraus!
*) Müsste es für
uns nicht eigentlich VSA heißen? Immerhin sagen wir auch VR China, und
aus der SSSR haben wir seinerzeit die UdSSR gemacht. Da sieht man wieder
schön den feinen Unterschied.
**)
Und wer weiß, vielleicht würde sich einer seiner Landsleute genervt zu
ihm hindrehen und meckern: "Will you quit using those annoying
germanisms, man?"
|
|